Tanzplan Deutschland
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Weiterbildung mit Merrill Ashley zur Balanchine Technik in der Palucca Schule - Hochschule fr Tanz in Dresden von 22. bis 24. September 2008.1465


Vita1466
Merrill Ashley wurde 1950 in St. Paul, Minnesota geboren. Nach dem Studium an der School of American Ballett kam sie 1967 zum New York City Ballett, wo sie 1974 Solistin und 1977 Prinzipalin wurde.
Sie war eine der letzten Ballerinen, die von Balanchine selbst noch unterrichtet wurde. Bekannt war sie fr ihr dynamisches Allegro, ihre Przision und Musikalitt. Fr sie kreierte Balanchine je eine Hauptrolle in Ballo della Regina (1977) and Ballade (1980). Fr sie studierte er 1976 Four Temperaments and Square Dance um.
Zwischen 1969 und 1973 tourte sie mit der kleinen, von dAmboise geleiteten Kompanie durch die USA, 1980 und 1981 war sie Direktorin und Tnzerin ihrer eigenen Gruppe - Merrill Ashely and Dancers. 1977 zog sie sich von der Bhne zurck, und stellte den Rekord auf als Tnzerin mit der lngsten Karriere am New York City Ballett.

Energie und Artikulation.
Merrill Ashley vermittelt Balanchine-Basics
Dokumentation der Weiterbildung von Edith Boxberger


Auf Einladung von Tanzplan Ausbildungsprojekte kam Merrill Ashley, eine der groen Balanchine-Ballerinen, zu einem dreitgigen Weiterbildungs-Workshop in die Palucca Schule Dresden, um Grundlagen der Neoklassik Georges Balanchines zu vermitteln. Selbst mehr als dreiig Jahre Mitglied im Ensemble des New York City Ballets, unterrichtet Ashley seit dem Ende ihrer Karriere 1997 hauptschlich dessen Tnzer und coacht sie in verschiedenen Rollen, gibt ihr Wissen aber auch an andere Ballettensembles und regelmig in Sommerkursen weiter.

Wenn Ashley im Rahmen von Tnzerausbildung unterrichtet, lehrt sie normalerweise ein Thema je einmal in verschiedenen Klassen. Viel lieber ist ihr eine Arbeitsweise, die es wie der Workshop in Dresden, der durchgngig mit Studenten der Abschlussklassen besetzt war, erlaubt, auf Themen zurckzukommen und dadurch intensiver an den Details zu arbeiten. Das Wissen wurde in verschiedenen Formaten und Medien vermittelt Masterclass, Einstudierung von Variationen, Showings aus der Video-Serie The Balanchine Essays, deren Ko-Autorin Merrill Ashley ist, und Diskussionen , sodass Wissenszuwachs stets mit praktischer Erfahrung, Erklrung und Reflexion verbunden war (die Video-Serie entstand kurz nach Balanchines Tod 1983 und fasst die Grundlagen seiner Arbeit in thematischen Kapiteln zusammen; sie soll demnchst wieder im Netz verfgbar sein).

ber ihre eigene Ausbildung an der eng mit dem New York City Ballet verbundenen Schule des American Ballet sagt Ashley, sie htte sie in dem Bewusstsein durchlaufen, dort alles zu lernen, was spter von ihr erwartet wurde. Als Balanchine die erst Siebzehnjhrige engagierte, musste sie erkennen, dass sein Stil viel detaillierter war und jede einfache Bewegung viel mehr enthielt als ich es mir je htte vorstellen knnen.

Dozenten und Professoren aus sieben staatlichen Ausbildungsinstitutionen und Studenten verschiedener Schulen (einige waren wegen Proben verhindert) verfolgten die Arbeit mit groem Interesse. Stets przise und konzentriert, gelang es Merrill Ashley, durch eine Flle von immer wieder variiertem Material hindurch einen klaren Eindruck von Balanchines Anspruch und Arbeit zu hinterlassen. Dabei erhob die Ex-Ballerina keinen exklusiven Wahrheitsanspruch, sondern betonte immer wieder: So habe ich es verstanden, das ist meine Interpretation.

Dabei war es ein Hauptanliegen Ashleys, Missverstndnisse und Fehlinterpretationen zu klren. So habe Balanchine zur Verdeutlichung einer Sache durchaus zu bertreibungen gegriffen etwa bei der Artikulation der Arme oder auch bei der Vorbereitung zu Pirouetten und Sprngen , doch drfe man dies keinesfalls verallgemeinern. Die Schnheit der Form war Balanchines hchstes Ziel, ihr zu Grunde liegt ein komplexes, sehr logisches System der Arbeit am klassischen Vokabular und an der Qualitt der Bewegung.

Denn genau dies macht Balanchine aus. Er verwendete das traditionelle Material und lie es durch die Art und Weise seiner Bearbeitung neu aussehen. Ashley legte daher ihr Augenmerk darauf, zu erlutern, warum Balanchine Dinge in bestimmter Weise haben wollte, denn: Er schuf, organisierte und verband Schritte mit einer bestimmten Technik, und wenn man diese nicht benutzt, ist der Schritt eben nicht so effektiv.

Krper in Bewegung

Die groe Lektion dieser Fortbildung: der Krper ist in Bewegung. Ashley sieht eine gewisse Gefahr im Klassik-Unterricht, akademisch zu werden, d.h. in Positionen zu denken und darber zu vergessen, dass es einen Weg gebe, in diese hinein- und wieder aus ihnen heraus zu gehen. Eines der Verdienste Balanchines bestehe genau darin, Bewegungen mit groer Raffinesse miteinander zu verbinden und sie gro zu machen, ihre ganze Reichweite auszuschpfen.

Entscheidend, hebt Merrill Ashley hervor, ist die Energie, mit der sich der Krper bewegt. Diese entsteht durch den akzentuierten Ansatz (attack) in der Bewegung, durch das Spiel mit unterschiedlichen Tempi und durch den Widerstand, gegen den der Krper arbeitet. Dabei ist jede einzelne Bewegung uerst przise und sehr sorgfltig artikuliert, z.B. wie der Fu prsentiert wird, wie er angehoben und aufgesetzt wird oder wie die Arme und der gesamte Oberkrper ausgearbeitet sind. Der ganze Krper wird durchmodelliert, denn auf diese Weise kommt Leben hinein. Und jede Position ist wichtig und wird genau ausgefhrt.

So demonstriert die junge Merrill Ashley in dem Video ber Ports de bras und epaulement aus der Serie der Balanchine Essays, was es mit der Energie der Bewegung, ihrer Akzentuierung und Reichweite auf sich hat. Jedes einzelne Glied eines Krperteils wird in spezifischer Weise artikuliert: Finger, Handgelenk, Ellbogen. Es geht nicht um Form, sondern um Energie. Immer liegt ein Akzent in der Bewegung. Anfangs ist er stark und schnell, dann schwcht er sich ab: In allen Armbewegungen sollte ein phrasing sein. Balanchine arbeitete viel mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, verschiedenen Graden von Langsamkeit und Schnelligkeit, um die ganze Bandbreite der Mglichkeiten zu entfalten.

Freiheit und Kontrolle

Energie entsteht auch aus der Qualitt der Bewegung: die Arme werden wie gegen einen Widerstand gefhrt, und zwar in jede Richtung, auch nach unten. Die Arme, sagt Ashley, sollen zwar weich aussehen, tatschlich sind sie voller Energie. Sie bewegen die Luft. Macht Gebrauch von der Luft, haltet sie mit den Hnden war das Bild, das Balanchine dafr entwarf, und: die Luft ist dick. Bewegung, auch darauf weist Ashley immer wieder hin, ist stets gefhrt; Freiheit erwchst aus deren subtiler Kontrolle.

Natrlich bewegen sich nicht nur die Arme, der Rumpf muss daran partizipieren, er muss mitgehen. Bis zu welchem Grad ist schwer zu definieren, erklrt Merrill Ashley, das ist immer auch individuell so zeigt man individuelle Expressivitt.

Groe Mhe und Sorgfalt verwendet Ashley auf die Arbeit am Fu. Wie bei den Armen wird der ganze Fu von den Zehen bis zur Ferse artikuliert und auch hier gilt, die Arbeit beginnt am Ansatz der Beine. Die Fe sind nicht nur sthetisch, sondern technisch von groer Bedeutung. Fr Balanchine hatten sie eine zentrale Funktion fr die Vorbereitung auf Drehungen und Sprnge, daher widmet Ashley dem Pli sehr groe Aufmerksamkeit.

So geht es bei den Sprngen darum, das Gewicht in den Fen bewusst zu handhaben: die Zehen zu benutzen, um den Boden zu greifen und die Fersen je nach Tiefe des Plis weit zu senken ohne dabei zu entspannen, sondern wie bei den Armen mit Widerstand zu arbeiten. Bei Drehungen kommt es darauf an, ein Bewusstsein fr die Zehen, die drehen, zu entwickeln: Gebraucht die Zehen, um den Boden zu greifen, man muss es in den Spitzenschuhen fhlen.

Die Bedeutung dieser Grundlagen, die sie vor allem in der Masterclass bt und erlutert, zeigt sich in der Einstudierung der Variationen. Zunchst arbeitet Ashley an einem Solo der Zuckerfee aus Balanchines Nussknacker, einem schwierigen Solo mit viel Spitzentechnik, das sie selbst nutzte, um nach einer lngeren Verletzungspause auf die Bhne zurckzukehren. Balanchine wollte in diesem Solo die Aufmerksamkeit auf die Fe lenken und betonte das Abrollen und auf die Spitze stellen: Er liebte es, den Fu zu exponieren.

Intensiv arbeitet Ashley an Pirouetten, eines der schwierigsten Dinge fr sie. Auch hier sei entscheidend, ein Bewusstsein fr die Zehen zu entwickeln, die drehen. Detailliert arbeitet sie an den einzelnen Momenten; daran, wie die Arme, die gegeneinander laufen und vom Oberkrper her gehalten werden, mithelfen mit zu drehen, wie aus der Seitenhaltung der Schwung genommen, die andere Seite mitbewegt und der Kopf genutzt wird, um herum zu kommen: ein pull and push, mit viel Arbeit in der Rckenmuskulatur und im Oberkrper. Am Ende setzen die Fe nicht hart, sondern behutsam auf den Boden auf, um die Spannung zu halten.

Immer wieder verweist sie darauf, wie schwer dieses Solo ist. Es bedrfe groer Kontrolle und koste viel Kraft und sei auch fr die Solisten des NYCB sehr hart: Das muss man nicht gleich beherrschen, diese Grundlagen muss man wachsen lassen. Und nimmt fr die nchste Wiederholung das Tempo zurck.

Die Kunst der Vorbereitung

Die Vorbereitung fr eine Pirouette sei im klassischen Tanz meistens klar zu identifizieren: beide Knie gebeugt, die Arme gerundet vor dem Krper. Fr Balanchine, sagt Ashley, eine wenig attraktive Position: Er wollte jede Position, jeden bergang schn gestalten, vor allem aber war berraschung ein wichtiges Element in seinen Balletten. Vorbereitungen mussten daher fr ihn so beschaffen sein, dass alles daraus werden konnte: ein developp, ein Sprung oder eine Drehung.

Merrill Ashley arbeitet schnell und konzentriert, das Material erweitert sich stndig. Sie schaut und hrt genau (timing helps the technique), ermuntert zu fragen und auszuprobieren. Sie spricht sehr viel, erklrt und kommentiert, lacht fter und macht fast stndig mit. Und lsst immer wieder einen Satz fallen: Ich wei, es ist schwer.

Balanchine selbst, sagt Ashley war ein auerordentlicher Lehrer, durch die Standards, auf denen er bestand, durch die Art und Weise, wie er das zaristische russische Ballett, das er in St. Petersburg gelernt hatte, erweiterte: indem er die Geschwindigkeit erhhte, Bewegungen grer machte, dem Tanz mehr Raum verschaffte, mehr attack verlieh, Jazz-Elemente einfgte - und alles auf logische und sinnhafte Weise. Er unterrichtete jeden Tag selbst, auer er war krank oder verreist, und manchmal auch am freien Tag, dem Montag.

Weil er selbst choreografierte, erforschte er neue Mglichkeiten, und daher puschte er die Tnzer, ber erreichte Standards hinauszugehen, erzhlt Ashley. Oft hatte Balanchine ein Thema und arbeitete dann an Variationen dieses Themas, verschiedene Tempi, Drehungen, etc. und ganze Perioden hindurch arbeitete er beispielsweise an der Ausformulierung des Oberkrpers oder an Arabesken: Wenn er uns aufforderte, etwas auszuprobieren, erhielt er Ideen, seine Imagination wurde angeregt, und es brachte auch uns dazu, zu berlegen, wie man etwas machen knnte.

Zum Abschluss der Einstudierung des Zuckerfee-Solos arbeitet Ashley an Sprngen und konzentriert sich auf deren Vorbereitung, das Pli, das fr Abspringen und Landen ausschlaggebend ist. Das Ziel ist, dessen Potential zu nutzen. Dafr zerlegt sie dessen Ablauf und erlutert Details und Zusammenhnge. Jedes Gelenk, wird in den verschiedenen bungen deutlich, ist einbezogen: Hften, Oberschenkel, Knie, Knchel, Zehen.

In der letzten Trainings-Klasse vertieft Ashley die Arbeit am Pli, die der Vorbereitung auf die Einstudierung einer neuen Variation und dem Thema Sprnge dient. Das Pli soll viel Energie besitzen. Dafr muss man die Zehen benutzen und langsam nach unten kommen und, wie bei den Armen, hchstmglichen Widerstand bis in die Zehen hinein fhlen. Ashley: Man muss das Gefhl im Pli finden, nicht einfach nur die Knie beugen, sondern beim Rauf und Runter das Gefhl der Kraft bekommen.

In Verbindung mit Sprngen erhlt das Pli eine spezifische Funktion: man geht in das Pli, um in die Luft zu gelangen. Es geht darum, das Pli richtig zu nutzen, nicht einfach, wie Ashley sagt, hochzuschnellen, sondern zu kontrollieren, nicht zu schnell und nicht nur bis zur halben Spitze, sondern bis zur Ferse mglichst weit nach unten zu gehen, und Fe und Beine dabei einzusetzen. Es ist schwer zu lernen, aber wenn man es einmal geschafft hat, hat man so viel davon. Sie erwartet nicht, dass es sofort klappt, sie selbst habe mehrere Jahre gebraucht, um es zu lernen.

Es folgt viel Feinarbeit, auch bei den verschiedenen Kombinationen mit Sprngen. Unermdlich arbeitet Ashley die Grundprinzipien heraus: das Aufsetzen mit den Fen verleiht Rhythmus und sieht ganz anders aus, wenn man das Pli richtig nutzt. Denn dann gibt es viel Kraft, man kommt viel leichter in die Luft und bleibt dort lnger, ansonsten bleibt es immer der gleiche Rhythmus und die gleiche Energie und es entsteht kein Phrasing.

Mit der Einstudierung des ersten Solos aus Theme and Variations wird das Erarbeitete schlielich erweitert und vertieft. Dieses Solo ist einfach, aber schwer, sagt Ashley, und das sei kein Widerspruch, denn es gibt bei Balanchine keine leichten Variationen, auch wenn sie so aussehen.

Immer wieder kommt sie auf das Pli zurck, auf den Prozess des down and up und wie fast der ganze Krper daran beteiligt ist. Oberschenkel und Gesmuskulatur, alles arbeitet. Dazu muss man aufgerichtet in die Hhe kommen, das verlangt eine Menge Arbeit in der Mitte des Krpers. Es gilt das Paradox: Wenn man seinen Krper kontrollieren kann, hat man viel mehr Freude am Tanzen und es sieht leichter aus.

Atemberaubend ist, was Ashley zum Abschied zeigt: sie selbst in der fr sie geschaffenen Rolle in Ballo della Regina, sehr schnell, sehr schwierig - und sieht doch leicht aus. Was es heit, wissen jetzt alle. Und applaudieren anhaltend. Gelernt haben an diesen drei dichten Tagen alle: das hat sich in vielen Gesprchen und Diskussionen und nicht zuletzt sichtbar in den Krpern der jungen Tnzer niedergeschlagen.1467

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22. bis 24. September 20081468