Tanzplan Deutschland
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Weiterbildung am 3. und 4. Oktober 2007 zu "Improvisation Technologies" im Hochschulbergreifenden Zentrum - Pilotprojekt Tanzplan Berlin / Podewil843


Vita844
Christine Brkle tanzte nach neunjhriger Ausbildung an der John Cranko-Schule in Stuttgart 21 Jahre lang in den Ensembles in Stuttgart unter Marcia Haydee, in Zrich unter Uwe Scholz und in Frankfurt unter William Forsythe. Die 14 Jahre beim Ballett Frankfurt waren entscheidend fr den Weg in die Improvisation, der sich zu einem Schwerpunkt ihres knstlerischen Ausdrucks entwickelte. In dieser Phase entstand auch die CD-ROM "Improvisation Technologies", an der sie mitwirkte. Seit 2002 arbeitet Brkle freischaffend, entwickelt eigene Stcke und Projekte mit Knstlern verschiedener Sparten.


Wir tun das alles nur, um uns herauszufordern.
Dokumentation der Weiterbildung von Gabriele Wittmann


21 Teilnehmer sind diesmal nach Berlin angereist: Choreografen und Tnzer, Lehrer des klassischen oder des zeitgenssischen Tanzes, Dozenten der Tanzgeschichte oder Tanztheorie. Was sie eint, das ist ihr pdagogisches Wirken in den Hochschulen. Und ob Tnzer oder Theoretiker: Jeder soll sich bei dieser Weiterbildung mit bewegen gedanklich wie auch rein physisch. Eine Herausforderung fr Christine Brkle, die zwei Tage lang einfhren will in die von William Forsythe und seinen Tnzern entwickelte Improvisations-Struktur Improvisation Technologies (IT).

Wrmt eure Fe auf, beginnt sie ihre Aufforderung zur freien Improvisation mit isolierten Krperteilen. Nach Fen und Hnden nhern wir uns schrittweise dem Krperzentrum, lockern Knie und Ellenbogen, bis wir zum Kreuzbein kommen und zum Kopf - dem anderen Ende der Wirbelsule. Zunchst geht es nur darum, nach einer kurzen Improvisation zu spren: Was war angenehm? Was war spannend? Zu leiser Musik lautet dann die bung: Whlt ein Krperteil, oder zwei, oder alle gleichzeitig. Und konzentriert euch darauf, was ihr gewhlt habt. Was verndert sich fr euch und eure Bewegung?

Nun kommt das Bewusstsein fr den eigenen Krperumraum hinzu. Wir spielen zunchst mit den Extremitten: Hnde oder Fe, die weit weg sind von unserem Zentrum. Dann mit Knien oder Ellenbogen, also dem mittleren Krperumraum. Dann geht es immer nher heran ans Zentrum: Wirbelsule, Hfte, Kopf. Ihr msst die Bewegung nicht so intensiv, so angestrengt machen. Aber haltet euren gedanklichen Fokus diesen Satz wird Christine Brkle immer wieder sagen in dieser Weiterbildung. Es geht um Bewusstsein und wozu es fhren kann im Tanz.

Christine Brkle hat es lang genug erprobt. Sie studierte klassischen Tanz an der John-Cranko-Schule in Stuttgart, war danach am dortigen Staatstheater engagiert als Marcia Haydee die Fhrung bernommen hatte. Spter ging sie nach Zrich, tanzte am Opernhaus unter Uwe Scholz. Und traf erneut auf William Forsythe, als sie 1986 zum Ballett Frankfurt kam. Sie blieb vierzehn Jahre. Heute ist sie freischaffende Tnzerin mit Spezialisierung auf Improvisation.

Das ist eine gute Idee. Christine Brkle greift auf, was zwei Teilnehmer gerade tun. Bildet zwei Gruppen. Die einen bewegen ihr Zentrum, die anderen die Extremitten. Spter werden sich die Gruppen gegenseitig durchqueren. Wie fhlt es sich an, wenn man nah am eigenen Zentrum arbeitet, whrend rings umher Menschen wirbeln, die weit drauen in den Extremitten tanzen? Als nchstes verndern wir den Fokus der Bewegungen in unserem Krperumraum: Verschiedene Krperteile knnen jetzt nah am Zentrum sein oder weit am Rand. Jeder erforscht es auf seine Weise.

Bald entspinnen sich erste Fragen: Was ist mit body space gemeint? Wo hrt er auf? Was bedeutet das Wort leading hier meint es initiieren oder fokussieren? Die Fragen werden immer mehr: Was bedeutet Qualitt einer Bewegung innerhalb dieser Arbeit? Wenn sich Qualitt aus Gewicht, Zeit, Raum zusammensetzt kommen diese Begriffe aus der Labanschen Verwendung? Oder wie sind sie gemeint? Was meint Kraft? Ist force die Muskelkraft? Oder kann es auch nervlich eingeleitete Bewegung sein? Ist mit Kinesphre der von Laban so definierte Krperumraum gemeint, dessen Umkreis man ohne Standortwechsel mit ausgestreckten Gliedmaen erreichen kann? Oder sind noch andere Definitionen in Umlauf? Christine Brkle beantwortet jede Frage mit stoischer Ruhe und Hingabe. Und gibt fr jede Antwort ein praktisches Beispiel. Doch jedes Beispiel wirft wieder neue Fragen auf. Denn je nachdem, wie man einen Begriff versteht, tut man unterschiedliche Dinge damit. Es gibt kein richtig oder falsch, sagt sie immer wieder, es geht nur um Mglichkeiten.

Genug geredet, weiter mit der Praxis. Der Fokus liegt jetzt auf dem Empfinden von leicht oder schwer in den Armen. Als zweiter Fokus kommt noch hinzu: Die Zeit. Die bung lautet: Wechselt zwischen verschiedenen Geschwindigkeiten, und zwar so, dass der Wechsel mal allmhlich geschieht, und mal pltzlich. Was passiert im Krper? Nchste bung: Die gewhlte Bewegungsqualitt bekommt nun eine Erweiterung, indem sich der Krper entweder mit oder ohne gezielte Raumrichtung bewegt. Der Fokus liegt erst innen, mit geschlossenen Augen. Dann am Rand, der Blick starrt auf die Zehen. Dann auen: Der Krper bewegt sich mit seiner Kinesphre vom Platz. Und welche Raumwege kann ich zurcklegen? Nicht nur Gegenstze der Richtungen sind mglich es gibt auch kreisfrmige Bewegungen. Und wie ist es mit der Energie? Man kann sie bei sich halten, mit den Armen nah am Krper. Oder sie verschleudern, hinauswerfen aus dem Krper, das Gleichgewicht kurzfristig verlassen. Entscheidet euch fr eine Kombination, sagt die Tnzerin, nicht alles gleichzeitig. Alle Farben zusammen ergeben braun.

Aus der CD-ROM Improvisation Technologies (IT) zeigt Christine Brkle nun einige Beispiele. Aus dem Kapitel line erklrt sie Linien imaginieren: Jede Linie kann aus dem Krper genommen werden. Die Tnzerin geht zu einem Teilnehmer der gerade auf dem Rcken liegt und sagt: Ich kann die Linie zwischen seinen Knien nehmen. Gelchter. Das Kapitel extrusion erklrt, wie man eine Linie aus einem Punkt im Krper herausziehen kann, wie eine Radioantenne, sagt Brkle. Matching ist das Paaren von Bewegungen, folding ist ein Falten, bridging schlgt vor, mit zwei Krperteilen eine Brcke zu bauen zwischen zwei Punkten am Krper. IT hilft einem, sich mit einem analytischen Auge zu bewegen. Und es macht einen unglaublich schnell.

Wie haben die Forsythe-Tnzer das alles entwickelt? Nicht im Training, erzhlt Christine Brkle, aber in der Entwicklung von Stcken. Wir hatten verschiedene Themen und haben einen Fokus gesetzt. Dann sind wir mit dem Krper durch diesen Fokus gegangen. Und daraus ist eine Logik entstanden. So vieles haben sie probiert: Mehr Raum einnehmen, beispielsweise durch das Schreiben mit Krperteilen im Raum. Oder ein Detail des Raumes nehmen, beispielsweise den Vorhang, und die Gestalt des Vorhangs in den Raum schreiben. Statt Positionen im Raum ging es um: Wie kann ich mich zum Raum ins Verhltnis setzen? Wie kann ich Raum bewegen? Und schon ist Christine Brkle am Boden, strzt sich in imaginre Faltenwrfe, erforscht die Bewegungsqualitt der Falten, tanzt dann auf deren Draufsicht. Es war ein Luxus, all das entwickeln zu drfen, und es erst spter zu benennen, sagt sie. Aus dem Benennen ist die CD-Rom entstanden. Denn Forsythe wollte, dass neue Tnzer schnell Zugang haben zu dieser Arbeitsweise. Und selbst probieren, recherchieren knnen. Mit IT knnen sie gleich zweierlei: kreieren und analysieren.

Was ist das fr eine Art von Arbeit? fragt jemand. Ist das emotional? Oder formalistisch? Das kommt darauf an, sagt die Tnzerin. Es kann mathematisch sein. Oder eine individuelle Interpretation haben. Wir in der Compagnie haben es benutzt um eine Menge unseres emotionalen Materials da hinein zu legen. Oder auch Gedanken. William Forsythe habe immer nach Gedanken gefragt: Was denkst du, wenn du das tanzt?

Zweiter Tag. Christine Brkle fragt die Teilnehmer nach ihren Wnschen fr heute. Und nach ihren Erfahrungen mit Improvisation Technologies gestern, und generell. Ein Pdagoge erzhlt von seiner Lehrerfahrung in Kln. Die Studenten bewegten sich durch Flchen, die verschiedene Qualitten erhielten. Was macht dieser Raum als Konsequenz mit meinem Krper? lautete eine seiner Forschungsfragen. Welche Konsistenz hat meine Krperflche? Wie reagieren Selbst und Raum? Jemand betont die Notwendigkeit des Analysierens, gerade weil die Entscheidungen so schnell geschehen beim Improvisieren. Wenn ich Studenten im ersten Semester unterrichte, dann versuche ich erst mal, sie vom authentic movement weg zu kriegen, sagt er. Dafr knnte IT ein Rahmen sein, der sie von festgefahrenen Mustern loseist. IT ist ein Weg zu innerer Arbeit, meint jemand. In einer Ballettklasse ist u-ing and o-ing eine Mglichkeit um den Fokus des Bewusstseins nach innen zu verlegen.

Eines fllt auf an dieser Weiterbildung: Alle reden diesmal ungeheuer viel. Und die Wortbeitrge hneln den tnzerischen Improvisationen dieser zwei Tage: Eine ganze Welt an Zusammenhngen rund um den Unterricht kommt an die Oberflche. Und zwar schnell - und berraschend. Fragen, Bedenken, berlegungen springen durch den Raum, kreuzen sich auf dem Rckweg wieder, schneiden den Weg eines anderen, der auf seine Weise darauf reagiert. Schnell. Tief. Spontan. Schneller, als einer allein denken kann.

Welche Rolle spielt die Musik bei der Improvisation? Im Kreationsprozess haben wir bei Forsythe oft ohne Musik gearbeitet. Musik war hchstens eine Stimmung, die unsere Konzentration gefttert hat, erzhlt Christine Brkle. Und nun dreht sich die Diskussion um die Repetitoren bzw. Pianisten: Was passiert atmosphrisch, wenn jemand einen Pianisten mitbringt? Was, wenn Anfnger dann nicht mit der Aufgabe umgehen, sondern der Musik folgen? Es braucht einen Musiker, der wach und empfindsam reagiert auf das was im Raum geschieht. In England sei das normaler als im schramp schramp-Deutschland, erzhlt einer unter groem Gelchter. Es bleibt die Frage: Was ist von den 1970ern geblieben davon, gemeinsam musizierend und tanzend zu improvisieren und welche Konsequenzen hat das heute fr die Pdagogik? Welche Paradigmen schleppt man heute in der Improvisation mit sich herum? Christine Brkle ist dafr, die Tore zu ffnen. Und Paradigmen immer wieder hinter sich zu lassen. Zeitgenssischer Tanz hat ja eine ganz andere Quelle der Betrachtung von Bewegung schon bevor einer berhaupt anfngt, sich zu bewegen.

Die Fragen gehen weiter. Sie reichen von: Was ist Kinetografie? bis zu: Was ist Geschichte? Wie hat sich Gesellschaft verndert? Christine Brkle pldiert fr Respekt: Eine bestimmte Haltung war zu einer Zeit vielleicht ntzlich und wichtig. Und sei es nur, weil sich eine Generation daran dann abgearbeitet hat. Auch an den blutigen Zehen? Auch an den blutigen Zehen. Immer mehr Fragen tauchen auf. Was ist romantisches Ballett? fragt einer, und endet mit seinen Gedanken schlielich in einem am Ende wissen wir es nicht. Jemand hat eine weitere Idee zur Frage, wozu IT ntzlich sein knnte: Wenn ich als Student den Lehrer mag, bin ich motiviert. Aber: Was habe ich aus mir selbst heraus, das mich motiviert? Die Antwort lautet: Ein starker Kontakt zu mir selbst. Und dafr knnte IT gut sein: Ich kann als Student viel lnger in meinem eigenen Krper bleiben mit dieser Arbeit.

Und dann bricht die Diskussion um in Zweifel: IT ist seit seiner Verffentlichung als CD-ROM bald zehn Jahre alt wie kann man verhindern, dass daraus ein Kanon wird? Wie kann man die Arbeit im Prozess lassen? Und trotzdem einiges einbauen in den eigenen Unterricht? Und Technologie: Ist der Begriff nicht schwierig? Verweist er nicht darauf, dass wir unsere systemische Weltvorstellung sogar in unsere knstlerische Welt mitnehmen? Ist es ein klares Vereinnahmen und Unterlaufen des Begriffes? Oder besteht nicht die Gefahr, dass er hier nur rational verstanden wird? Und ist Improvisation und Technologien nicht ein Widerspruch in sich? Ich mag den Widerspruch, sagt Christine Brkle gelassen. Der Begriff war eher ein Prozess, um zu einer Auseinandersetzung mit der Tanz-Sprache zu kommen. Und vielleicht auch, um eine Ernsthaftigkeit in den Tanz zu bringen.


Zurck zum konkreten Nutzen. IT ist ein Werkzeug, um in der Improvisation warm zu werden und mit unterschiedlichen Positionen in Kontakt zu kommen ohne eine bung nach der anderen zu machen, erklrt Brkle. Eine Teilnehmerin, die ebenfalls Forsythe-Stcke getanzt hatte, stimmt ihr zu: Als klassischer Ballett-Lehrer kann man der Arbeit eine andere Vision geben. Zum Beispiel knne point-point line mehr Bewusstheit bringen an den Rckseiten des Krpers vom Hals bis zum Unterschenkel. Es komme mehr Qualitt in den Release-Aspekt der Bewegung. Wir brauchen mehr Literatur zum Thema Improvisation, es gibt noch zu wenig, berlegt jemand. Die Idee entsteht, selbst eine Literaturliste aus den Literaturlisten aller Teilnehmer zu erstellen. Praxis sollte wichtiger sein als die Sekundrliteratur, widerspricht ein anderer: Christine Brkle bringt uns das Material von Forsythe auf eine eigene, persnliche Art das ist etwas anderes als durch linguistische Kolportage.

Nach der Pause sind es nur noch fnfzehn Teilnehmer. Christine Brkle erklrt das auf Laban basierende Raumkonzept von William Forsythe. Streckt die rechte Hand diagonal nach oben, sagt sie. Dann die linke, dann beide Hnde. Sie leitet unsere Arme einmal rund um den Krper, durch alle 27 Raum-Punkte. Um den Unterschied zwischen Punkt und Linie zu spren bewegen wir uns nur von einem Punkt aus, beispielsweise dem Ohr. Dann benutzen wir die ganze rechte Seite unseres Kopfes als Linie, die wir durch den Raum bewegen. Kombinieren wir zwei Richtungen, beispielsweise hoch/tief und vorn/hinten, so wird daraus eine Flche. In diesem Fall die so genannte Rad Flche. Stellt euch vor, da wre eine Tre vor euch, sagt die Tnzerin. Wir gehen durch die Tr-Flche. Und benutzen spter den Unterarm, um damit eine gedachte Flche zu kreieren, die wir dann durch den Raum tragen. Danach gehen wir durch die von Laban definierten Ebenen hoch-mittel-tief. Wir spielen mit Hhen, verlegen eine Bewegung der Fe nach oben in die Bewegung der Arme.

Wnsche nach genaueren Definitionen werden wach. Was bedeutet floor? Ist hier wirklich der Boden gemeint, oder die unteren zehn Zentimeter ber dem Boden? Oder meint es einfach nur generell tief? fragt jemand. Christine Brkle relativiert: Jede Definition trgt nur in Beziehung zu den sie umgebenden Systemen. Es geht hier nur um ein System, sich innerhalb eines Raumes in Beziehung zu setzen. Bei mir wrde floor bedeuten sagen wir mal: von den Knien abwrts bis zum Boden.

Als nchstes versuchen wir uns in den Diagonalen. Die linke Hand berhrt den Boden links unten, die rechte Hand die Luft rechts oben. Es geht nicht um eine statische, sondern um eine sich bewegende Linie erinnert Christine Brkle. In den Flchen ist die Diagonale zweidimensional, im Raum dreidimensional. Manche knnen es sich noch schwer vorstellen. Einer baut ein Papiermodell, um drei sich kreuzende Flchen zu zeigen.

In der nchsten bung whlen wir vier Kategorien: Ein Krperteil; eine Richtung, in die wir es bewegen; einen Weg, den wir zurcklegen und eine Qualitt. Gemeinsam mit einem Partner zeigen und probieren wir einiges. Macht euch selbst immer wieder klar was ihr tut, sagt die Tnzerin. Ich komme sofort an meine Grenzen, sagt einer. Ja, wir tun das alles nur, um uns herauszufordern, entgegnet Christine Brkle lachend. Einer fragt verblfft: Knnen Sie das alles wahrnehmen? Sie nickt ernsthaft mit dem Kopf: Wenn man sich selbst komplex bewegt, dann kann man sich auch beobachten, und ein bestimmtes Detail fokussieren oder alles auf einmal wahrnehmen.

Weiter geht es, nchste Ebene: Zwei Menschen bewegen sich im selben Kubus, jeder mit dem Fokus auf eine von ihm selbst gewhlten Flche. Die berraschung lsst nicht lange auf sich warten: Flchen schneiden sich, unvorhergesehene Berhrungen ergeben sich. Das war eine ganz andere Berhrungserfahrung als die, die ich durch die Kontaktimprovisation kenne, sagt jemand. Andere fhlten sich so beschenkt von den vielen gedanklichen Mglichkeiten, dass sie ein gedankliches Black Out hatten. Es sei eine groe Aufgabe, mit zwei Leuten in einer Kinesphre zu sein, beteuert Brkle. Alles habe dann mehr Volumen. Muss man nicht ganz feinfhlig sein, wenn man durch die gemeinsame Kinesphre in das Bewegungssystem des Anderen eingreift? Natrlich, sagt Brkle. Es werden Emotionen aufsteigen. Eine Teilnehmerin spricht die Stops an, die entstehen, wenn der Partner ganz anders reagiert als man es vorhersieht. Wunderbar, meint Brkle: Wenn Menschen eine Aufgabe wirklich ausfllen, und ganz damit beschftigt sind, dann ist es interessant, zuzuschauen!

Zeit zum gemeinsamen Improvisieren: In Gruppen zu fnft bilden alle zunchst eine Phrase durch das Prinzip der Akkumulation. Steht die Phrase, so wird sie durch vier IT-Spielmglichkeiten geschleust. Zunchst durch das Prinzip avoid movement: Wir stellen uns die Folge im rumlichen und zeitlichen Ablauf vor - als ob jemand anders sie tanzen wrde und tanzen dann um sie herum, ohne sie zu berhren. Dann probieren wir das Prinzip spatial recovery: Wieder steht die Bewegungsfolge vor dem geistigen Auge, aber jetzt fllen wir whrend wir sie ausfhren jede Bewegung im Raum an derselben rumlichen Stelle aus - aber mit einem anderen Krperteil als zuvor. Als Drittes probieren wir das Prinzip reverse und tanzen die Folge rckwrts. Als Letztes folgt floor brushing: Wir konzentrieren uns darauf, die Phrase mit den Fen am Boden pinselnd nachzuzeichnen.

Allmhlich tanzen Paare zusammen, jeder Partner fllt ein anderes Prinzip aus. Einer probiert das avoid movement, whrend der andere sich auf floor brushing konzentriert. Jeder ist voll und ganz bei der Sache, die Aufgabe fordert den Geist. Das Gehirn luft langsam hei tausender neuer Mglichkeiten schieen durch die Synapsen, An- und Aufregung wachsen proportional mit dem Grad an Aufmerksamkeit. Dazu kommt jetzt noch die Begegnung mit dem anderen und berall lauern berraschungen: Manche stoen beinahe zusammen, pltzliche Konfrontationen entstehen und fordern blitzschnelle Reaktionen. Zum Abschluss zeigen beide Gruppen, wie sie mit der Aufgabe umgegangen sind. Diese Begegnungen sind schner anzuschauen als andere Improvisationen die ich kenne, meint ein Betrachter, denn in jedem Tnzer ist ein wenn auch unbekannter Weg erahnbar, eine Intention, die die ganze Zeit ber im Raum bleibt.

Zeit fr Feedback. Es ist so schn, mal nicht passiv herumzustehen als Tnzer, sondern aktiv zu sein whrend der andere etwas macht, meint ein Lehrer. Eine andere freut sich ber die Art der Begegnungen: Die Kommunikation ist so anregend, immer ist man gefordert zu reagieren. Und ein Dritter meint: Das ist eine Art Spiel, was wir hier tun. Und das tut gut. Im Alltag sind wir oft so darauf geeicht, Dinge richtig zu machen.

Parallel zum Workshop beginnt in Berlin der GTF-Kongress zum Thema Ausbildung. Lngst haben sich immer mehr Teilnehmer leise verabschiedet und sind aus dem Studio geschlpft. Jetzt ist der Raum leer, nur noch zwei Teilnehmer hocken um Christine Brkle. Ein letztes Gesprch entspinnt sich, ber die Arbeitsweise von William Forsythe, ber seine Werke, ber seine Haltung. Ein Ballett-Lehrer fragt, ob diese Arbeit nicht auch eine spirituelle Dimension habe? Ja, meint Christine Brkle. In vielerlei Hinsicht. Das beginne schon bei der Frage: Wie kommt Bewegungsmaterial zu mir? Das bin nicht nur ich, meint die Tnzerin. Es ist nicht mehr nur: Ich muss etwas erfinden. Es ist auch: Etwas kommt zu mir.

Und dann erzhlt sie von der Arbeitsweise des Ballett Frankfurt. Von Stcken wie Endless House, in denen sie tief in Themen eingestiegen sind. Themen wie: Was ist ein Straftter? Warum trennen wir zwischen so genannten hellen und so genannten dunklen Seiten? Warum nehmen wir die dunkle Rolle nicht an? Was ist in unserer westlichen Welt verloren gegangen? Was ist Ritual? Was ist Trance? Die Tnzer haben sich Zustnden hingegeben, waren auer sich, erzhlt Christine Brkle. Es geht um Vertrauen in dieser Arbeit. Darum, sich selbst zu gestatten, berhrt zu sein und in eine andere Energie zu wechseln. Bewegung sei fr William Forsythe schlielich kein Selbstzweck. Sondern ein langer Weg, um einen reaktionsfhigen Krper zu entwickeln. Der irgendwann intuitiv Mglichkeiten einer Situation erkenne. Das habe Forsythe einmal in einem Interview gesagt. In dem Interview mit Nik Haffner, das im Begleitheft der IT CD-Rom abgedruckt ist. Und whrend Christine Brkle entschwindet, bleiben neue Fragen im Raum: Warum durften wir das jetzt noch hren? Hat vielleicht jeder genau das mitgenommen, fr das er offen war? Ist es mit der Information vielleicht genau so, wie es Christine Brkle ber Bewegung gesagt hatte: Die Bewegung findet jemanden? Wann und warum kommt Information zu jemandem? Und wann und warum nicht?845

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3. und 4. Oktober 2007846